Zu Gast bei „Vater Rhein“

- Lehrwanderfahrt auf strömenden Gewässern mit dem LRVBW -

Ein schwer beladener Kohlefrachter kämpft sich dicht am Ufer gegen die Strömung flussaufwärts. Er liegt so tief, dass einzelne Wellen die seitlichen Laufgänge des Schiffes überspülen. Dicht dahinter, ein Tanker, dem Tiefgang nach ungeladen. Dem geht das alles nicht schnell genug, er setzt zu einem beherzten Überholmanöver an. Aus der Gegenrichtung naht ein überlanger Schubverband, drei Containerreihen übereinander. Sein Brückenhaus ist so weit nach oben gefahren, dass es fraglich erscheint, ob es unter der nächsten Brücke hindurchpassen wird. Hinter ihm legt ein Flusskreuzfahrtschiff gerade von seinem Liegeplatz ab.

Da irgendwo dazwischen, unser kleines hilfloses Ruderboot, den Wellen, Brückenpfeilern und der Berufsschifffahrt gnadenlos ausgesetzt:
Werner Rudolph Wanderruderwart vom LRVBW hat über Pfingsten zum „Steuermannslehrgang auf stark fließendem Gewässer“ auf dem Rhein eingeladen. Die Fahrt geht von Worms bis nach Andernach, auf dem Mittelrhein einem der schönsten Streckenabschnitte des Rheins.

Nach der Anfahrt am Donnerstag mit den ersten theoretischen Übungen beginnen wir den Freitag mit praktischen Übungen:
Vom Wormser Ruderclub Blau-Weiss von 1883 e. V. starten wir stromaufwärts, unter der Brücke hindurch, dicht am Ufer Richtung Floßhafen, üben dort das Ein- und Ausfahren in Hafenbecken, kreuzen dann zweimal den Fluss und legen wieder am Steg an. Dann wechselt der Steuermann und die Runde beginnt von neuem, damit jeder einmal als Steuermann dran kommt. Danach folgt das Anlegen an Kiesbänken, nachmittags dann eine kleine Fahrt in den Lampertheimer Altrhein.

Wichtig, zuerst die Boote entsprechend vorbereiten
Übung: anlegen an Kiesbänken erfolgreich abgeschlossen

Am nächsten Tag, Samstag, wird es ernst:
Wir starten die Wanderfahrt. Es ist Wochenende und ich lerne schnell ein neues Wort: "Rialo". Dieses Wort wird bei den Ruderkameraden von Breisach und Konstanz rege benutzt und kommt nicht etwa aus dem Italienischen sondern ist die Abkürzung für "Riesen-A...loch", womit jedes schnell fahrende Sportboot bezeichnet wird, das im Abstand von weniger als 10 Meter an uns vorbeifährt und beinahe die Boote zum Kentern bringt.

Am Sonntag wird nur am Vormittag gerudert, denn am Nachmittag erfolgt der theoretische Teil für die Tour am Montag. Auf der Königs-Etappe soll es zunächst durch das Binger Loch und dann an der Loreley vorbei bis nach Lahnstein gehen, der anspruchsvollste Teil der Fahrt. Wichtigste Vorgabe dabei: Wenn irgendwie möglich, unbedingt in der Fahrrinne bleiben, um den gefährlichen Untiefen abseits der Stecke zu entgehen, schließlich möchte man sich nicht auf der langen Liste der Schiffsunglücke in diesem Abschnitt wiederfinden. Aus diesem Grund wurde auch Pfingsten für die Fahrt gewählt, da hier mit verhältnismäßig wenig Schiffsverkehr zu rechnen ist.

Das Binger Loch und Mündung der Nahe
Übung: Boot einlegen über die Rolle mit An- und Ablegen von Steganlagen

Der Montag startet wie auch schon die vorherigen Tage mit traumhaftem Wetter und großer Hitze bereits in den frühen Morgenstunden. Das Binger Loch ist rasch und problemlos überwunden, es gibt nur geringen Schiffsverkehr, wohl auch einem Öl-Unfall stromaufwärts geschuldet, durch den eine Reihe von Häfen gesperrt sind und damit keine „Talfahrer“ unterwegs sind. Mittag machen wir an der bekannten Burg Pfalzgrafenstein auf einer Insel mitten im Rhein, Gelegenheit für eine erste Badepause und Besichtigung der „Pfalz“. Nachmittags wird auch die Engstelle an der Loreley problemlos überwunden, es herrscht so wenig Verkehr, dass wir uns vorbeitreiben lassen und ausgiebig Fotos machen können. Unter diesen Bedingungen ist überhaupt nicht einzusehen, wie ein nacktes Flittchen auf einem Felsen so viele Schiffer ins Unglück stürzen konnte. Abends lagern wir die Boote bei der Rudergesellschaft Lahnstein 1922 e. V., dazu muss ein Stück die Lahn aufwärts gerudert werden.

Ölsperre an der Lahnmündung mit Schloss Stolzenfels im Hintergrund.
Nicht geplante Übung: Fahren ohne Steuer und einlegen nach Ölsperre.

Die Einfahrt in die Lahn erweist sich am Dienstag, unserem letzten Rudertag, als verhängnisvoll. Über Nacht hat die Feuerwehr die Lahnmündung mit einer orangenen Ölsperre verschlossen. Fahrtenleiter Werner Rudolph ist deshalb drauf und dran, die Fahrt hier abzubrechen. Nach einigem telefonieren erhalten wir von der Feuerwehr die Erlaubnis, die Ölsperre mit den booten zu überfahren. Wir hängen die Steuer aus und überwinden mit gehörig Anlauf die Ölsperre. Dies gelingt problemlos, nur müssen die Boote das erste Stück durch Koblenz ungesteuert fahren. Auf dem Rhein hängen wir uns gegenseitig die Steuer wieder ein. Weiter geht die Fahrt vorbei am Deutschen Eck und der Festung Ehrenbreitstein bis nach Andernach. Dort endet eine schöne heiße Rheintour gegen Mittag und wir treten nach Boote aufladen und Picknick nach und nach alle die Heimreise an.

Bericht von Frank Hoffmann (Marbacher RV)

Hans-Reinhart Strehler: Etappenplanung und durchgeführte Übungen der Lehrwanderfahrt des LRVBW

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