Warta – Uwaga

Es ist er 2. September 2011. Der Ruderverein Esslingen unternimmt wie jedes Jahr wieder eine Ruderwanderfahrt irgendwo in Europa. Die Organisatoren haben sich den polnischen Fluss Warta - deutsch Warthe - vorgenommen. Von Konin bis zur Einmündung in die Oder sind es 403 Flusskilometer. Für 7 Rudertage ein ambitioniertes Programm für 15 Herren zwischen 42 und 78 Jahren - insbesondere wenn noch etwa ein halber Tag für Besichtigungen in Pozan (Posen) herausspringen soll.

Am Freitag traf man sich am Ruderverein zum Laden der Anhänger. Regen. Den haben wir gemeinsam trocken ausgestanden. Ab 17.30 Uhr war die Tätigkeit ohne Flüssigkeit von oben ausführbar und ab 18 Uhr sogar bei Sonnenschein. Nach 19 Uhr war alles abreisefertig. In weiser Voraussicht nahmen ein paar wenige noch einen kleinen Happen zu sich. Jedoch war das Klima dämpfig und alle hatten noch Bedarf für einen Aufbruchstrunk in unserem Vereinsrestaurant. Der Kassenwart passte genau auf und regelte unversehens, dass der Kleinste auch nur ein kleines Bier bekam.

Abfahrt war um 20.00 Uhr. Ab Weinsberg trennten sich unsere Wege, die mit dem Vesper an Bord wollten unbedingt über Würzburg/Erfurt in den Stau, die anderen fuhren ohne Stau und Vesper über Nürnberg nach Konin. In Polen über Frankfurt (Oder) eingereist entpuppte sich die Autobahn als lange Baustelle. Kilometerlang gab es nur eine Fahrbahn mit einer Fahrspur pro Richtung und auf dieser „Millionen“ von rückstrahlenden rot-weißen Barken, soweit das Auge reicht, sowie zur Abwechslung auch ein „parkender LKW“ ohne Absicherung im Dunkel der Nacht. Zwischendurch verlangsamten Ausleitungen unser Vorwärtskommen. Die 300 km bis zum Ziel werden wohl zäh! Doch im Morgengrauen die Erlösung - hervorragende Autobahnen (via toll) und wir zahlten an 3 Mautstellen „gerne“ jeweils 27 Zloty pro Gespann.

Samstag 3.September

Das erste Auto war um 8.25 Uhr an der Schleuse, die zum Einsetzen ausgeguckt war. Infolge Bauarbeiten ging dort aber nichts. Dafür wurde die Uferpromenade mitten in Konin für gut befunden, so dass das zweite Auto dorthin beordert werden konnte. Bei deren Eintreffen um 9.30 Uhr konnte endlich gefrühstückt  werden - wobei alle vorher die drei Boote startklar machen konnten.

Wir ruderten 51 Kilometer. Mittagsrast war in der Nähe von Policko (km 370,3 r) in einer kleinen Marina, wo uns der Landdienst mit einem frisch gezapften Bier und dem herbeigesehnten schattigen Platz begrüsste. Auch für die Übernachtung in Pyzdry (km 352 r) beim Kanuclub fanden wir eine Marina zum anlanden mit den Booten, gleich daneben konnten unsere beiden Zelte aufgeschlagen werden. Sofort teilte sich der Teilnehmerkreis in die ernstgemeinten, aber nicht vollkommenen, Kategorien Schnarcher oder Nichtschnarcher auf. Vor dem Duschen gab es Curryreis mit Geschnetzeltem. Die 3 Kilo Fleisch kosteten übrigens auch 27 Zloty. Zum Duschen wurden wir wie Pilger auf Wallfahrt in die neue Turnhalle geführt, die vom europäischen Regionalfond gesponsert wurde. Während fast alle unterwegs waren, konnten Zurückgebliebene mit unseren nicht ausgeschöpften Essensresten zwei Dorfbewohner verköstigen und in Pfadfindermanier eine gute Tat vollbringen.


Zur Mittagsrast eine Marina zwischen Lad und Policko

Sonntag 4.September

Nachdem uns der Glockenschlag des Klosters in den Sonntagmorgen begleitete, liefen Frühstück und der Abbau routiniert ab, so dass wir kurz nach 9.00 Uhr wieder in den „Fluss“ stachen, nachdem wir uns von freundlichen, deutsch sprechenden Betreuungspersonen mit einer Spende verabschiedet hatten. Deutschsprechende Polen waren grundsätzlich äußerst hilfreich, auch beim einkaufen fanden wir immer wieder überaus hilfreiche teils auch englisch sprechende Polen die uns sofort und ohne Aufforderung weiterhalfen.


Die Flaggen werden eingesammelt, spannende Momente mit vielen Zuschauern.

Wir ruderten an diesem Tag bei strahlendem Sonnenschein bis Srem (km 291,8r), wo wir die Boote in einer bewachten„Marina“ festmachen konnten. Mittagspause war in Nowe Miarto (km 323,5l). Das hat unser Etappenplaner mühsam perfekt, aber immer mit einem Fragezeichen versehen, ausgeknobelt, sowie alle mit flammender Rede überzeugt. Dieser Vorgang wiederholte sich übrigens täglich. Es war flaches Land. Kühe standen im Fluss und kühlten ihre Euter - es ging wohl um Frischmilch. In Srem und Umgebung gab es viele Kirchtürme in Form eines "Faifagrädler", wie in Esslingen-Mettingen. An den ersten beiden Tagen kamen wir auch an 8 Fähren vorbei - das belegt die dünne Besiedlungsdichte der Gegend. Daher ist auch die Arbeit von Bibern an vielen Stellen zu besichtigen.


Ein schattiger Platz zur Mittagsrast in Nowe Miasto nad Warta war sehr gefragt.

Zur Übernachtung fuhren wir ein Stück voraus nach Kornik. Wir fanden uns im Rekreationszentrum der Stadt wieder. Das Zelten war eingebettet zwischen Seeschwimmbad, Rasensportplatz mit Aschenbahn, Kunstrasenplatz und Spielwiese. Für den Abend hatten wir einen überdachten Aufenthaltsbereich, saßen wie in der VIP-Longe in der Mercedes-Benz-Arena und konnten das Fußballtraining live verfolgen. Einer erzählte auch an diesem Abend Witze, wobei einer mit den Worten „wer macht denn so was?“ endete. Dies wurde zum „geflügelten Wort“ der Fahrt.

Montag 5.September

Am Montag gab es wieder die senile Bettflucht der Rudermannschaft zu vermerken. Frühe Frühaufsteher brachten den „Apparat“ zum Laufen und ab 7.15 Uhr kann vorzeitig gefrühstückt werden. Diesmal war es verbunden mit der hochnoblen Frage: „Muss ein Löffel in den Honig?“ Über die Antworten wird nicht berichtet. Festzustellen war aber leider auch, dass unser Kühlschrank seinen Betrieb einstellte.

Trotzdem packte jeder seine Sachen und man fuhr etliche Kilometer zu den Booten nach Srem, wo unsere Boote gut bewacht in der "Marina" auf uns warteten und ohne viel Aufwand konnte auch gleich um 9.35 Uhr abgelegt werden, die Stechpaddel im Bootsanhänger warteten vergeblich auf ihren Einsatz. Mittagsvesper gab es in Rogalinek (km 265,9r), wo sich hinter dem Damm ein Friedhofsparkplatz befand, der gerade mit Betonknochensteinen hergerichtet wurde - aber ansonsten ein schattiges Plätzchen bot. Der Friedhof hatte eine UNESCO-geschützte Holzkapelle und ein Kriegerdenkmal, an dem deutlich wurde, dass Polen insbesondere im 1. Weltkrieg erhebliche Verluste von Menschen zu verkraften hatte.


Jesus segnete unsere Speisen zur Mittagsrast

Nachmittags gab es noch eine Kurzetappe zum Ruderverein Poznan (Posen). Der Landdienst hatte gerade im Ruderverein alles geklärt und in einem der 3 gesichteten Lidl-Märkte - Aldi wurde überall vermisst - etwas eingekauft, so liefen die Boote bereits ein. Nachdem die Boote verräumt waren machte sich die Truppe im Freien stadtfein. Einer der Herren quittierte den Vorgang mit der Feststellung, „umziehen hier?“. Wir fuhren nun zur Dominsel. Dabei konnten alle die besondere Verkehrsführung von „Riesenkreisverkehr“ mit integrierter Ampelregelung, sowie kombinierter Straßenbahnkreuzung in mehrfacher Ausführung bestaunen.

In Poznan besichtigen wir die Kathedralbasilika Peter und Paul, die etwa 968 erstmals erwähnt wurde. Sie ist die älteste Bischofskirche Polens. Sie ist das Mausoleum der ersten polnischen Herrscher aus der Piasten-Dynastie und hat das nationale Bewusstsein während der drei polnischen Teilungen belebt und gefördert. Die Geschichte der Goldene Kapelle hat der Mesner uns, über unseren mitgebrachten Dolmetscher, versucht zu erklären. Nun ging es per Fußmarsch zum Marktplatz. Schmuck renovierte Bürgerhäuser und ein Rathaus in der Mitte bilden ein ansehliches Ensemble. Auf einem Gebäude war ein Klinkerholzboot angebracht dessen Bodenplanken beschädigt waren bzw. fehlten. Das waren wohl frühe Ansätze für ein Bottemglasboot um in die Tourismusförderung einzusteigen.

   
Das Rathaus von Poznan wurde 1994 zusammen mit den umliegenden Häusern einer kompletten Renovierung unterzogen.

Nach einem Rückmarsch zu dem Autos ging’s zurück ins Rekreationszentrum Kornik. Dort kam es zum Meinungsaustausch, ob Salz- oder Pellkartoffeln, Stücke genügend gleich sind oder nicht, die Kartoffeln an den „Augen“ nachgearbeitet werden, Gurken geschält oder ungeschält bzw. ein bissele schräg geschnitten gehören und warum Zwiebeln heute Champions sind. Bei der nächsten Fahrt könnte durchaus die Funktion eines Kochbuchschreibers vergeben werden, womit dann dokumentiert wäre, dass die Kochkünste auf diesen Touren sich auf erstaunlich hohem Niveau bewegen und der Veranstaltung einen gewissen Stil verleihen.

Parallel konnte festgestellt werden, dass unser Elektriker einen Lötkolben für Reparaturen im Handgepäck hat und im Laufe des Tages ein gelockerter Schiebling gerettet werden konnte. Genüsslich wurde später gespeist, wobei wir aus unserer VIP-Lounge wieder den abendlichen Trainingsbetrieb bei Regen erleben durften.

   
Bei guter Strömung darf man auch mal länger Pause machen.

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