34. Trimmfahrt auf der Donau in Serbien

„In einer der dramatischsten Landschaften Europas stürzt die Donau zwischen den Felsabstürzen und den reichbewaldeten Hängen der Transsylvanischen Alpen (der Südkarpaten) an der Grenze von Jugoslawiens und Rumäniens hinab in die Ebene der Walachei. Die mächtige Djerdap Schlucht, welche der Strom hier durchfließt, ließe sich nicht besser kennzeichnen als durch den überlieferten Namen ‚Eisernes Tor’. In der Tat ist dieses Stück Land die Pforte zum Gebiet am Donau-Unterlauf und dem Nahen Osten und auf der anderen Seite zu den weiten Ebenen Ungarns, die durch ihre Lebensadern eng mit Zentraleuropa verknüpft sind. Mehr als einmal hat sich die Frühgeschichte der Menschheit die strategische Bedeutung dieses Donaudurchbruchs erwiesen. [...]“ soweit die einleitenden Worte von Sir Mortimer Wheeler aus dem Jahr 1972 im Buch „Lepenski Vir“ von dem Leiter der Ausgrabung dieser Stätte Professor Dragoslav Srejovic.

Mittlerweile haben sich die politischen Verhältnisse geändert und die Wasserführung der Donau im Bereich des Donaudurchbruchs ist mit einer Strömung von bis zu 8 m/s durch eine Staustufe auf der Höhe der Stadt Kladovo entschärft. Aufgrund der oben beschriebenen sagenhaften Landschaften hatten Fahrtenleiter Ralf Stybalkowski und sein treuer Planer Heinz Kleemann als Ziel der 34 Trimmfahrt des Rudervereins Esslingen die Donau in Serbien ausgegeben. Ähnlich wie auf der Theiss vor zwei Jahren erwartet die Ruderer eine Fahrt ins Ungewisse, da trotz intensiver Planung nur wenige Quartiermöglichkeiten an der Donau auf Campingplätzen oder bei Wassersportclubs und Anlegemöglichkeiten am Ufer der Donau in Unterlagen bzw. Internet angegeben sind.

Am 04. September nach dem Verladen der Boote und Ausrüstung starteten zusätzlich Rudi Neumann, Frank Maschkiwitz, Ralf Stürner, Harry Weinbrenner, Peter Rotter, Bernhard Freisler, Hans-Jürgen Eberhardt, Dirk Johanning, Albrecht Hannig, Wolfram Strehler und Mathias Kötter auf die 1200 Kilometer Anfahrt nach Serbien. Startpunkt war Novi Sad zu Deutsch Neusatz. Hier versuchten die Ruderer der Auflage an der serbischen Grenze nämlich der Meldepflicht bei der örtlichen Polizei nachzukommen. Die Polizei entpuppte sich als Verkehrspolizei, war selbstverständlich nicht zuständig aber immerhin behilflich, den Ruderclub zu finden. Letztlich hat nach einer offiziellen Anmeldung bei der Ausreise niemand gefragt.

Viele Herausforderungen, Befürchtungen und Situationen galt es erfolgreich zu meistern. Die Verständigung war vielfach mühsam, da die serbische Bevölkerung – besonders auf dem Lande – kaum englisch und noch weniger deutsch spricht. Auf unserer Seite waren mit einigen wichtigen Begriffen wie krompir, pivo, vino und veslacki (Kartoffel, Bier, Wein und Rudern) die serbischen Kenntnisse schnell erschöpft. Mit Gesten, Zeichen und Zeigen wurden meistens die Kommunikationsprobleme erfolgreich gelöst. Eindrucksvolles Beispiel war der Abend in Tekija: zunächst machte der Landdienst Quartier in einem Privathaus für umgerechnet 6.- € pro Nase, die Ruderer verteilten sich auf die verschiedenen Betten oder suchten sich eine ruhigere Lagerstatt. Im Restaurant einige Meter weiter fand sich ein Gast, der etwas dolmetschen konnte. Die Wirtin war selbst sehr geschäftstüchtig und brachte einen Teller ihrer Fischsuppe zur Ansicht und zum Kosten, die auch gleich bestellt wurde. Im rohen Zustand zeigte sie die Fischgerichte „Som“ und „Smud“ – jeweils Donaufische einerseits eine Art Forelle andererseits eine Scheibe aus einem größeren Raubfisch. Der mixed salat entpuppte sich als Paprika, Gurke und Tomate mit Olivenöl zusätzlich wurden noch wirklich scharfe angegarte Peperoni gereicht. Die Frita waren wie erwartet Pommes Frites nur war die Menge im Gegensatz zu allen anderen Zutaten sehr übersichtlich.

Vor schlechten Straßenverhältnissen wurde gewarnt – meistens waren sie aber besser als befürchtet. In Belgrad gab es zum Beispiel auf einer Hauptverkehrsstraße unvermittelt eine kleine Absperrung auf der linken Spur mit einem nachfolgenden Loch und kurze Zeit später auf der rechten Spur den entsprechenden Aushub. Bei der Suche nach dem Ruderclub in Belgrad – er liegt auf der Saveinsel, die über einen Damm mit Mautstelle verbunden ist – landeten die beiden Gespanne in einer durch eine Baustelle unvermittelt beginnenden Einbahnstraße im Gegenverkehr. Nach dem Versuch des Rückwärtsfahrens hatte ein Bauarbeiter an diesem Sonntagnachmittag ein Einsehen und öffnete an zwei Stellen den Bauzaun und leitete den regulären Verkehr durch die Baustelle. So fuhren wir bis zur nächsten Kreuzung und bogen nach einer längeren Verkehrsregelübung ab und lösten das kleine Chaos auf. Im weiteren Verlauf musste, da keine andere Wendemöglichkeit vorhanden war, auf der Autobahn die Save überquert werden, um an der nächsten Anschlussstelle zu drehen. So kam der Landdienst zeitgleich mit den Booten zum Ziel, ohne die weiteren Aufgaben des Geldtauschens und des Einkaufens gelöst zu haben.

Im Verlauf der Wanderfahrt wurden die Fahrzeuge, Insassen und Hänger durch das ein oder andere Schlagloch, Baustellen oder Schwellen durchgeschüttelt. Bis auf einigen Glasbruch im Kühlschrank und eines zerbrochenen Tellers sind keine nennenswerten Schäden aufgetreten. Der Lademeister und der Küchenverantwortliche hatten ganze Arbeit geleistet! Festzuhalten ist allerdings die Strecke auf der E70 in Rumänien bis Timisoara, die mit EU-Geld von Grund auf neu gebaut wird und daher eine einzige Baustelle ist. Die daraus entstandene Zeitverzögerung spiegelte sich in dem weiteren Tagesablauf wieder: Mittagessen gegen 17:30 und Ankunft in Wien gegen 22:15.

Der Grenzübergang nach Serbien gestaltete sich langwierig: die Ungarn benötigten für die Pässe ca. 10 Minuten, die Serben waren sehr viel genauer. Bei der Passkontrolle riefen sie jeden beim zweiten Vornamen auf, was bei den Ruderern zunächst für Verwirrung sorgte. Anschließend wurden die Fahrzeugpapiere und die grüne Versicherungskarte angeschaut. (Das Fehlen der Papiere für den Bootshänger wurde kurz nach Abfahrt in Esslingen entdeckt, so dass sie mit einem kleinen Umweg geholt werden konnten. Nicht auszudenken, was ohne Papiere an der Grenze passiert wäre!) Danach wollte der Grenzbeamte am besten auf Serbisch wissen, was wir mit den Booten in Serbien anstellen wollten. Schließlich hat er sie in den erstbesten Pass eingetragen, damit der Passinhaber Hans-Jürgen sie auf jeden Fall wieder ausführt! Ein Bus vor uns wurde vom Zoll gefilzt –wir hatten mehr Glück, dieses Procedere wurde uns erspart. So ging die Reise nach einer Stunde weiter. Auf der Rückfahrt beim Grenzübergang nach Rumänien gab es an beiden Seiten nur die oben beschriebene Vornamenabfrage. In der kurzen Wartezeit beobachteten wir neben uns zwei Zigarettenschmuggler, die in das Zollhäuschen gebeten wurden. Für die beiden Gespanne und die Insassen waren dann auch die Grenzformalitäten erfolgreich überstanden.

Die Etappenplanung hing hauptsächlich von der Quartiermöglichkeit ab. Neu war für die Ruderer, in einem neben dem Bootshaus Roter Stern gelegenen Kindergarten untergebracht zu werden. Positiv sind die Ferienhütten in der Walachei bei Beska zu erwähnen. In kleinen Einheiten kamen die Ruderer nobel unter. Die Terrasse eines Bungalows wurde als Koch- und Versperstelle umfunktioniert und im Bungalow selbst wurde abgewaschen. Landschaftlich war der Campingplatz Brnjica bereits im Eisernen Tor liegend herausragend, mit sauberen sanitären Anlagen. In negativer Hinsicht bleibt der Campingplatz „Silbersee“ in Erinnerung. Die Benutzung der sanitären Anlagen kostete einige Überwindung. Die anderen Übernachtungen lagen irgendwo dazwischen.

In Erinnerung bleiben unheimlich freundliche und hilfsbereite Menschen. Zum Beispiel half dem Landdienst ein Angestellter der Tourist Information bei der Suche eines Fleischers und eines Fischhändlers, die jeweils nur einige Häuser entfernt und nicht als solche von außen zu erkennen waren. Er übersetzte auch noch dem Metzger unsere Bestellung und den Wunsch, aus dem Bratenstück Goulasch zu schneiden. Weiterhin hat der Vizepräsident des Roter Stern Club seinen befreundeten Kollegen im Ruderclub Smederewo angerufen und die Ankunft am nächsten Tag im Spätnachmittag angekündigt.

Von an der Donau gelegenen Burgen ist neben der Anlage in Belgrad die halbüberflutete Burg Golobac sehr beeindruckend. Man könnte sogar an einer Zinne des in einer Bucht gelegenen Burgturmes anlegen. Vor dieser Burgkulisse wurden Waffen, Gewänder und das mittelalterliche Leben von Schaustellern vorgeführt.

Die Burganlage und die Innenstadt von Belgrad wurden von einem Teil der Ruderer nach dem Nachtessen besichtigt. Sie genossen den tollen Ausblick auf die unterhalb liegenden Flüsse Save und Donau bei Nacht. Die Nacht verdeckte auch viele Bausünden und Industriebrachen, die man bei Tageslicht bewundern konnte.

Ruderisch brachte die Tour insgesamt 310 km auf der Donau und 10 km auf der Save für die beiden Gigvierer – hierbei sind einige stromaufwärts geruderte Kilometer bei der Suche des Landdienstes z.B. in Belgrad und bei Beska nicht mitgerechnet. Für ein Boot war die Strömung so groß, dass die Besatzung nicht weiterrudern wollte, sondern sich vom Landdienst abholen ließ. Dieses Abholen dauerte 25 Minuten für die einfache Strecke von ca. 14 Strassenkilometern, dafür hätte man locker die 4 Kilometer auch gegen die Strömung rudern können. Bis zum Eingang des Eisernen Tores hinter Smederewo ankern leere Schubeinheiten der Einfachheit halber im breiten Strom, man konnte sogar Slalom zwischen diesen Schiffen rudern. In diesem Bereich unterstützt die Strömung das Rudern, so dass 14 Kilometer pro Stunde möglich waren.

Einiges über Fluss, Eisernes Tor und die Landschaft ist bereits im Vorwort erwähnt. Die Ruderer und der Landdienst waren durch die direkt am Ufer steil aufsteigenden Hänge der Karpaten und die geringe Flussbreite von unter 200 Meter bei einer Tiefe von 80m im Gegensatz zu dem breiten Strom in der Ebene beeindruckt. Teilweise konnte man die Faltung des Gebirges erkennen. Auch die beginnende Laubfärbung trug zu dem stimmungsvollen Erlebnis bei. Römische Ruinen wie die Tabula Traiana, die an die von Kaiser Trajan vollendete Straße durch das Eiserne Tor erinnerte, gab es zu bewundern. Zwischen den Gebirgsdurchbrüchen hatten sich im Zuge der Überflutung zwei Seen in der Donau gebildet. Locker hätte man Regatten mit 50 und mehr Bahnen ausrichten können, wenn die nötige Infrastruktur vorhanden wäre. In diesen Seen gab es einige Inseln, die Rückzugsgebiet für Vögel sind. Zwischen den Inseln schien es sehr flach zu sein da auf ca. 1 qm viele Baumstümpfe aus dem Wasser schauten – gespenstisch! Einige Kilometer vorher guckte ein havarierter Schubkahn nur noch zu einem Drittel aus dem Wasser, doch das schien niemanden zu beeindrucken.

An den Ufern auf serbischer und rumänischer Seite werden die Felder extensiv bestellt. So werden zwischen Pflaumenbäumen mal einige Reihen Mais angepflanzt. Viele Felder werden noch mit wenig Maschineneinsatz bearbeitet. Die Ruderer sahen Erntehelfer mit Sicheln, zusammengebundene Garben auf den Feldern, viele kleine Gemüsegärten und weitläufige Weideflächen. Gelegentlich tauchten am Ufer nicht nur ein paar Rinder sondern auch mal eine Sau mit Ferkeln auf. Sanfte Hügel mit Südlage an dem rumänischen Ufer würden sich ideal (möglicherweise mit etwas Bewässerung) für einen intensiven Weinbau eignen, aber außer einigen kleinen Feldern, Bäumen und Weideflächen war nichts zu entdecken.

Leider war eine Besichtigung der Ausgrabungsstätte „Lepenski Vir“ nicht möglich, da die Außenanlagen derzeit mit einem neuen ca. 6000 qm großen Dach vor Umwelteinflüsse geschützt werden. Lepenski Vir ist nach Wikipedia eine mittel- und jungsteinzeitliche archäologische Fundstätte am Eisernen Tor an der Donau und liegt auf einer schmalen Fluss-Terrasse am rechten Ufer. Hinter der Terrasse, die auf der Höhe von 59 bis 66  Meter über der Adria liegt, steigen die steilen Korso-Berge aus dem engen Flusstal und erreichen eine Höhe von 250 bis 700 m. Erste Siedlungsspuren beginnen etwa 7000 v. Chr., ihren Höhepunkt erreichte die Siedlungstätigkeit etwa 5300 v. Chr. bis 4800 v. Chr.

Nach der Wanderfahrt 2009 ist vor der Wanderfahrt 2010, daher noch ein Ausblick auf das Ziel im kommenden Jahr nämlich dem Oberlauf der „La Meuse“ in Frankreich und Belgien. Heinz Kleemann wird bei dieser Fahrt nur noch als Ruderer zur Verfügung stehen und die Planungen in jüngere Hände übergeben. Daher ein großes Lob und herzlicher Dank für insgesamt 14 geplante Trimmfahrten mit teilweise von wenig anderen Rudervereinen angefahrenen, herausfordernden Zielen wie Theiss, Oder Teil I/II, Po oder Dordogne.

Mathias Kötter

Nachfolgend ist eine Übersicht über die Etappen, Übernachtung und das Nachtessen aufgeführt.

Fotoalbum