Trimmfahrt auf Moldau und Elbe

vom 05.09.-13.09.08

Aus dem Tagebuch eines Wanderruderers

Donnerstag 14.08.2008

Es ist 1205 Uhr, öffne eine E-mail, Absender ein gewisser ralf.stybalkowski@daimler.com. Die Mail enthält Details zur 33. Trimmfahrt, die auf der Moldau und Elbe stattfinden soll. Im Anhang der Mail findet sich eine Liste der Teilnehmer sowie die für so manche Utensilien und Verantwortlichkeiten Zuständigen. Frechheit: da bin ich doch tatsächlich wieder für den Bericht zuständig! Kann ja wohl nicht wahr sein. Zum Glück steht Manfred Strutz verantwortlich für den Bericht in der Esslinger Zeitung; gehe angesichts von dessen Gewissenhaftigkeit also davon aus, dass sein Bericht deutlich vor meinem fertig sein wird und dass mein Beitrag daher überflüssig ist. (Dem ist leider nicht so). 

Freitag, 05.09.2008

Beim Verladen der Boote natürlich wieder das Übliche: Mein Knoten, obwohl ein Paalsteek wie aus dem Bilderbuch, erfüllt keineswegs die hochgesteckten Anforderungen eines erfahrenen Wanderruderers. Auch was das „Leinenzusammenbinden“ betrifft, schneide ich ziemlich mangelhaft ab. Widme mich daher ausgiebig den wichtigeren Obliegenheiten,  dazu gehört z.B. das Geschirrsortieren, da kenn ich mich ja schließlich aus. Der Küchenanhänger ist mittlerweile, dank des Einsatzes von Festo-Ingenieuren, die Perfektion per se. Seltsamerweise befinden sich viele der von mir vorher mühsam zusammengesammelten Küchenteile nicht mehr im Anhänger, sondern wieder dort, wo sie jahrelang vor sich hin „moderten“. Offensichtlich hat während einer kurzen Verschnaufpause meinerseits Albrecht ins Geschehen eingegriffen.

»Eine Schlange taucht aus dem Teich – kriecht um den Baum – und taucht dann wieder in den Teich zurück.«
Zuerst legt man ein Auge, fährt mit dem losen Ende um den zu befestigenden Gegenstand, oder bildet damit eine Schlaufe in der gewünschten Länge. Nun fährt man mit dem losen Ende durch das Auge, um das feste (ziehende) Ende herum, und wieder zurück durch das Auge.

Entscheidend ist, dass man das lose Ende von der richtigen Seite in das Auge führt, und umgekehrt wieder durch das Auge zurück, so dass die beiden Seilenden parallel liegen. Wenn man von der falschen Seite in das Auge eintaucht, entsteht kein Knoten. Zum Festziehen fasst man mit der einen Hand das ziehende Ende, mit der anderen die zwei parallel liegenden (das lose Ende und den parallel liegenden Teil der Schleife).

 

Nun geht´s los – hoffentlich nicht in die Hos! Meine Frau hat es aufgegeben, mir hinterher zu winken und Tränen zu vergießen. Ich trag´s mit Fassung. Es wird das übliche Programm einer Anreise abgespult: Viele Autobahnkilometer mit kurzer Snack-Pause bei Deggendorf. Die Straßen werden immer schmäler, die Beischläfer immer schläfriger - ein Hoch an dieser Stelle auf unsere Fahrer (Heinz L. und H.-J.)!

Gegen 3 Uhr nachts Ankunft auf irgendeiner Wiese; soll angeblich der gesuchte Campingplatz sein. Bin ziemlich orientierungslos. Das Kommando unseres Fahrtenleiters dringt an mein Ohr: „Jeder sucht sich einen Platz zum Pennen, gute Nacht!“ Erwarte irgendwie, dass sich ob dieses „ Hasführer“-Kommandos nun großes Protestgeschrei erhebt - wir sind ja alle nicht mehr so ganz die Jüngsten. Werde diesbezüglich jedoch eines Besseren belehrt. Während alle bereits friedlich vor sich hin schlummern und schnarchen, bin ich immer noch damit beschäftigt, die Querstangen meines Feldbetts zu suchen. Es ist so dunkel wie eine Nacht nur sein kann. Irgendwann bin aber auch ich fertig. Drehe rein aus Trotzgefühl und zur Förderung meines allgemeinen Wohlbefindens noch einen besonders würzigen Willkommensgruß in die frische böhmische Luft hinaus - den habe ich mir schließlich die ganze Fahrt über verkniffen.

   

Samstag 06.09.08: Lipno-Stausee = 35,5 km

Werde nach knapp 3 Stunden Schlaf durch schier endloses Gehupe einer Diesellok der hier verkehrenden Bimmelbahn aus dem Schlaf gerissen. Bin immer noch orientierungslos. Stehe vor dem Toilettenhäuschen und weiß nicht, was „Herren“ bzw. „Damen“ auf tschechisch heißt ( masly oder femy?). Entscheide mich für „ femy“ - da sieht es etwas angenehmer aus. Obwohl auch hier die Nase gerümpft werden muss, wird mir langsam klar, dass ich falsch bin. Macht aber nichts; Hauptsache, das wichtigste Geschäft für heute ist erledigt.

Vor dem Frühstück Suche nach der Moldau. Angeblich soll dieses tümpelhafte Gewässer, welches sich gleich hinter dem Campingplatz befindet, die Moldau sein; das sagen zumindest ebenfalls bereits wache und erfahrene Wanderruderer. Kann ich noch nicht glauben. Beim Frühstück verputzen manche so viel, als hätten sie die Trimmfahrt bereits hinter sich. Der Flecken, an dem wir uns befinden und wo wir einige 1000 Kronen für 3 Stunden Frieren, Clopapiersuche etc. blechen sollen, heißt übrigens Nová Pec. Hier beginnt kurz hinter einer Brücke der Lipno-Stausee.

Es geht also los! Schönstes Wetter. Habe jedoch ein etwas mulmiges Gefühl, da ich im „Schwaben“ direkt vor dem Ehrenvorsitzenden sitzen darf. Hätte ihm gerne die Ehre erwiesen, ihn vor mir sitzen zu lassen. Lasse dooferweise auch noch die Bemerkung fallen, dass ich dieses Jahr erst knappe 30 Kilometer gerudert habe. Kommt irgendwie nicht besonders gut an: „Das ist natürlich sehr schwach“ sagt er. Dafür scheint meine Blase stärker zu sein als seine.

Es macht riesig Spaß an diesem Samstagvormittag inmitten dieser herrlichen Landschaft zu rudern. Auf Backbordseite immer begleitet von den dunklen Höhen des Böhmerwalds – Adalbert Stifter lässt grüßen. Pause nach ca. 17 km in Dolní Vlatavice. Mehr als 50% meiner bisherigen Jahresruderleistung sind geschafft, und das erste Pivo rauscht durch die ausgedörrte Kehle.

Ich darf jetzt Johannes ablösen, der bisher gesteuert hat. Ein netter Mensch, der ein Einsehen mit mir hat. Auf Steuerbordseite oft wunderschöne Ferienhäuser, manchmal fast schon kleine Schlösschen. Vorbei an Frymburk kommen wir nach 35 km in Lipno an. Weiterrudern wäre ab hier – zumindest für die Boote - tödlich: Hinter der Staumauer beginnt eine Wildwasserstrecke, auf der auch internationale Kanu- und Raftingwettbewerbe ausgetragen werden. Also Boote abriggern, verladen und vespern.

Von Lipno aus beeindruckende Weiterfahrt an der reißenden Moldau entlang bis Vyssi Brod. Wahnsinnig viel Freizeitaktionismus auf der Moldau und daher auch viel los auf der kurvenreichen Straße. Fritz, als Pilot ein Profi, zieht den Bootshänger. Ein zu weit in die Straße hineinragendes Halteverbotsschild wird fachgerecht und rechtzeitig - bevor womöglich andere dran hängen bleiben - einfach umgemäht. Alles, was in Tschechien ein Boot besitzt, tummelt sich an diesem schönen Samstagnachmittag auf bzw. - nach Kentern - z.T. auch in den Wellen.

Erreichen um 16 Uhr endlich Ceský Krumlov (deutsch: Krumau). Nehme mir vor, irgendwann ein Buch zu schreiben mit Titel „Hilfe! Wo soll ich parken hin?“  Krumau liegt in einer omegaförmigen Schleife der Moldau, ist Weltkulturerbe und absolut beeindruckend; neben Prag kulturmäßig einer der Höhepunkte unserer Wanderfahrt. Leider sind haufenweise Touristen (wie wir) unterwegs. Amüsant ist es, den Schlauchbooten beim Durchfahren der Wasserrutsche am Wehr zuzusehen.

In Bezug auf unsere Terminplanung sind wir bereits deutlich im Verzug. Heinz wartet in Týn bestimmt schon sehnlichst auf uns.

Týn nad Vltavou ist unser eigentlicher Einstiegsort an der Moldau. Passieren unterwegs nach Týn so bekannte Orte wie Budweis oder das Kernkraftwerk Temelin. Der Campingplatz in Týn macht den Eindruck, als wäre eine Gruppe Bärenjäger nach monatelangem Aufenthalt in der Taiga hier abgestiegen und müsste mal wieder die Sau rauslassen. Alle schon ziemlich angetrunken. Einer hat ´ne Lache, wie wenn eine Geiß in den Blecheimer scheißt - nervt brutal. Bauen trotzdem unsere Zelte auf, duschen und freuen uns auf die erlesenen Speisen, die im Restaurant des Campingplatzes auf uns warten. Es gibt überbackenen Camembert. Na ja, man sollte nicht alles nur negativ darstellen; Hauptsache der Magen hat was abgekriegt und ist einigermaßen zufrieden. Hätte auf den Blecheimerfritze als Hintergrund trotzdem gerne verzichtet.

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