Rudern in Sachsen-Anhalt

Die Himmelfahrtstour des Rudervereins Esslingen führte in diesem Jahr an die Flüsse Unstrut und Saale in Sachsen-Anhalt. Bereits im Jahre 1863 bereiste Hermann Allmers aus Rechtenfleth dieses (Ruder-)revier und hat seine zeitlosen Eindrücke in diesem Studentenlied festgehalten:

1. Dort Saaleck, hier die Rudelsburg,
Und unten tief im Tale
Da rauschet zwischen Felsen durch
Die alte liebe Saale;
Und Berge hier und Berge dort
Zur Rechten und zur Linken -
|: Die Rudelsburg, das ist ein Ort
Zum Schwärmen und zum Trinken. :|

2. Das wissen die Studenten auch
In Jena und in Halle
Und trinken dort nach altem Brauch
Im Hof und auf dem Walle.
Umringt von moosigem Gestein,
Wie klingen da die Lieder!
|: Die Saale rauscht so freudig drein,
Die Berge hallen wider. :|

Natürlich hat Hermann Allmers in seinem Lied die Geselligkeit beschrieben, wie bei jeder guten Wanderfahrt durften so ein ordentliches Vesper zwischen der morgendlichen und nachmittäglichen Etappe sowie ein ausgiebiges Nachtessen nicht fehlen. Gereicht wurden Spezialitäten der Region wie Schwarz Bier und teilweise sehr trockener Saale-Unstrut-Wein.

4. Wie tönet das ins Tal hinein
Vom Felsen hoch hernieder, -
Die Saale rauscht so freudig drein,
Die Berge hallen wider;
Und Berge hier und Berge dort
Zur Rechten und zur Linken -
|: Die Rudelsburg, das ist ein Ort
Zum Schwärmen und zum Trinken. :|

Diese sagenhafte Landschaft mit engen Tälern, Burgen auf den Bergen, kleinen idyllische Städtchen am Rande des Harzes sowie der nördlichsten Weinbau Region wollten insgesamt 20 Ruderer aus Esslingen, darunter einige Gäste von befreundeten Vereinen. Startpunkt war am Himmelfahrtstag nach teilweise individueller Anreise Rossleben an der Unstrut. Das Ziel war nach 212 Ruderkilometern in Barby an der Saale.

Die Strecke führte an Ortschaften wie Nebra vorbei, sehr bekannt durch den Fund der "Himmelsscheibe von Nebra", die mittlerweile im Landes-museum für Vorgeschichte in Halle ausgestellt ist. Diese live zu sehen war uns leider wegen umfangreicher Umbaumaßnahmen des Museums nicht möglich,
„Bei der frühbronzezeitlichen „Himmelsscheibe von Nebra“ handelt es um die erste konkrete, wissenschaftlich unbestrittene Darstellung des Kosmos, so dass man von einem absoluten Schlüsselfund des letzten Jahrhunderts für Archäologie, Archäoastronomie und die Religionsgeschichte sprechen kann. Im Gegensatz zu den bis dahin (z. B. im Alten Ägypten) vorherrschenden grafischen Darstellungen gleichfalls eines symbolischen Sternenhimmels mit geometrisch aneinander gereihten Sternen ermöglicht uns die Scheibe erstmalig einen Blick auf die astronomischen Kenntnissen vor 3600 Jahren.

"Die Scheibe enthielt 32 kleine Goldblättchen, die als Sterne anzusehen sind. Sieben davon stellen mit größter Wahrscheinlichkeit das Siebengestirn (die Plejaden) dar. Von erheblicher Bedeutung ist,dass sich Fundort und Bildinventar der Scheibe gegenseitig ergänzen. Die beiden seitlichen goldenen Randbögen (einer davon nicht erhalten) können problemlos als östliche und westliche Horizontbögen aufgefasst werden, die den Lauf der Sonnenaufgangs-und untergangspunkte über das Jahr darstellen. Deren Winkel entsprechen dem Sonnenlauf für die frühe Bronzezeit und dem Bereich der Breitengrade durch Sachsen-Anhalt.


"Goldfassade" der Arche Nebra

Der dritte Goldbogen, der stärker gebogen ist, liegt zwischen den beiden Horizontbögen. Es handelt sich dabei, wegen der Striche auf Ober- und Unterseite, die Ruder symbolisieren, mit großer Wahrscheinlichkeit um ein Schiff, das zwischen den Horizonten über das nächtliche Himmelsmeer fährt. Es ist das erstmalige Auftreten eines religiösen Symbols, das bislang in seiner Bedeutung nicht verstanden wurde"
(Auszug aus Internetauftritt des Landesmuseums)

Doch jetzt der Reihe nach.

Mittwoch16.5.
Schon am Mittwoch den 16.5.2007 machten sich insgesamt 12 Ruderer, acht aus Esslingen, drei Gäste aus Ratzeburg und Rudi Neumann aus Stuttgart, den man eigentlich schon zum RVE zählen kann, mit den Booten nach Rossleben an der Unstrut auf. Da rudern an diesem Tage nicht eingeplant war hatten sie Zeit für einen Ausflug nach Freyburg, einer Weinstadt am Fuße der Neuenburg. Einen Namen erwarb sich Freyburg auch in der deutschen Turnbewegung. War doch Freyburg der „Alterssitz“ des als Turnvater in die Geschichte eingegangenen Friedrich Ludwig Jahn.Ein Freyburger Publikumsmagnet ist auch die traditionsreiche Rotkäppchen Sektkellerei mit deren historischen Kelleranlagen.

   

Donnerstag 17.5.
Frühmorgens um 5:30 Uhr machte sich die zweite Gruppe von Esslingen aus auf den Weg nach Rossleben. Doch wie so oft in den letzten Jahren war mal wieder der Mietwagen nach kurzer Fahrt defekt. Bei Würzburg stellten wir fest, daß die Bremsen nicht mehr richtig funktionierten, um dann in Schweinfurt, bei einem sehr freundlichen Autohaus, den Bus endgültig abzustellen. Nach etwa 4 Stunden ging's dann mit einem neuen Bus langsam weiter. In Laucha, wo an diesem Tag gerade eine Flugschau stattfand, trafen wir dann auf die erste Gruppe, die hier zur Mittagsrast mit einem Vesper auf uns wartete, und alle Boote waren schon aufgeriggert.

 

   

Die "alten Herren" hatten schon den vormittag zum rudern genutzt, ab Rossleben und vorbei an der Arche Nebra, die leider noch im Bau ist, bis zur Schleuse bei Laucha. Kurz darauf ging die Fahrt dann mit allen Booten, drei Vierern und einem Dreier weiter bis zur alten Zeddenbacher Mühle bei Zscheiplitz, die immer noch funktionsfähig ist und bis heute, die letzte noch arbeitende Mühle an der Unstrut. Von hier aus ging's zurück nach Laucha, ins Haus der Luftsportjugend, unserem Nachtquartier.

   

Überrascht waren wir dann doch vom guten Abendessen in Gleina, nachdem der Wirt bei unserer Ankunft sofort sein Lokal zu sperrte um sich ganz auf unser Wohl zu konzentrieren, zwanzig Gäste sind eben auch genug. Im Haus der Luftsportjugend mit einfachem Herbergsstandard, war ziemlich schnell Ruhe in den Mehrbettzimmern. Auf dem Hof dagegen gab's noch Wein aus der Region.

Freitag 18.5.
Nach einem ausgiebigen Frühstück, wurde zurück an der Unstrut, von einigen wenigen die Mühle auch noch von innen besichtigt.

   

Es ging noch ein paar Kilometer weiter auf der Unstrut, die bei Naumburg in die Saale mündet. Vorbei an Freyburg mit dem impossanten Schloss Neuenburg, daß die erste Gruppe schon vorab besichtigt hatte, der Burgruine Schönburg und alten Weinbergen erreichten wir zur Mittagsrast den Weißenfelser Ruderverein. Die Attraktion hier waren die frei und frech umherschwimmenden Nutrias, die wir sonst nur vom Nymphea her kennen.

   

Eine Besichtigung für Naumburg war für den nächsten Tag geplant, also ging's weiter bis nach Bad Dürrenberg, wo wir beim Kanuverein unsere Boote ablegen konnten. Nach dem Abendessen wurde noch das grandiose 700m (früher 1,8 km) lange Gradierwerk im ehemaligen Kurort Bad Dürrenberg besichtigt. Noch schwer beeindruckt von der Größe und Funktionalität dieses Bauwerks, fanden wir trotz intensiver Suche keine Eisdiele zum ausklingen lassen des Tages. Vom Wirt unserer Unterkunft wurden wir getröstet mit einem ortsüblichen Solelikör.

   

Samstag 19.5.
Nach dem Frühstück, ging's zurück nach Naumburg, das als ehemalige Modellstadt für Altstadtsanierung über eine, seit der Wendezeit liebevoll restaurierte Innenstadt mit unzähligen historischen und baulichen Schmuckstücken verfügt. Genannt seien hier der Dom mit seiner romanisch-gotischen Architektur, die spätromanische Krypta, der Ostlettner und die mittelalterlichen Glasfenster; der malerische Naumburger Marktplatz als Zentrum der ehemaligen Ratsstadt mit dem Wahrzeichen der Stadtpfarrkirche St.Wenzel sowie der Jüdengasse. Dort wurden wir auch von unserem "Kulturminister" über die wichtigsten Sehenswürdigkeiten, wie der Naumburger Dom, das Nietzsche-Haus, das Marientor, die Stadtmauer oder die vielen prächtigen Bürgerhäuser informiert. Eine Besichtigung des Doms war natürlich obligatorisch, und endlich kennen wir die berühmte "Uta" aus dem Kreuzworträtsel auch persönlich.

   

Es ist ebenso ungewöhnlich wie auch einmalig, daß weltliche Personen in einem Chor dargestellt sind. Als der Naumburger Meister diesen Auftrag erhielt, waren die Stifter bereits 150 bis 200 Jahre tot, und er mußte ihre Standbilder ganz aus der Phantasie heraus bilden. Die höchst individuelle Darstellung jeder einzelnen Figur ist verblüffend. Ihre Gesten, ihre Gesichter bezeichnen unterschiedliche Charaktere und Temperamente und deuten jeweils auf etwas Schicksalhaftes hin.Die Architektur faßt die Statuen zu einer Einheit zusammen.

          

Der Naumburger Dom von Außen und Innen, in der Mitte Markgraf Ekkehard und Uta, eine Grafentochter aus Ballenstedt im Harz.

Unsere Fahrt ging erst am Nachmittag weiter. An den Leunawerken vorbei ging's über Merseburg nach Halle. Die Leunawerke waren das größte Unternehmen der Chemieindustrie in der DDR. Benannt waren sie nach der östlich des Industriegebiets liegenden Stadt Leuna. Heute sind auf dem Gebiet der Leunawerke zahlreiche neue Unternehmen angesiedelt. Um den Erhalt des Standortes zu fördern, vermittelte Bundeskanzler Helmut Kohl zwecks Erhaltung „industrieller Kerne“ in Ostdeutschland. Bei der Übernahme der Erdölraffinerie der Leunawerke an den Mineralölkonzern Elf Aquitaine sollen auch an deutsche Politiker und Parteien Schmiergelder in Millionenhöhe geflossen sein (siehe Leuna-Affäre).

   

Wir waren an diesem Tag froh über jedes schattige Fleckchen. Beim Ruderverein Merseburg gab es zum Geburtstag von Bernhard Hildebrand Bier und Kuchen. Die Sonne brannte an diesem Tag aber so heftig, daß der Erdbeerkuchen seine Form nicht ganz halten konnte. Das Ziel war der Ruderverein Böllberg in Halle, unser Quartier bezogen wir allerdings außerhalb im Gasthof zum Yachthafen in Salzmünden. Dort feierten wir dann auch die Deutsche Meisterschaft des VFB, dessen Sieg unsere "Fufballfans" mit einem Radio auf der Saale verfolgt hatten. Rudi Neumann, der einzige Stuttgarter auf der Wanderfahrt, gab aus diesem Anlass eine Runde aus.

   

Sonnstag 20.5.
Auf der Rückfahrt nach Halle zu unseren Booten, ging es vorbei an den Ausgrabungsstätten Salzmünde-Schiepzig, auch im Zusammenhang mit Nebra ein weiterer interesanter Fundort aus der Bronzezeit, der auch zur Namensgebung der Salzmünder Gruppe beigetragen hat. Vorbei ging es auch an alten zerfallenen Industriegebäuden aus der Gegenwart, die einem auch vermitteln können, daß in diesem Teil von Deutschland eine große Arbeitslosigkeit durch die Wende erst geschaffen wurde. Aber es geht auch in Sachsen-Anhalt aufwärts.

   

Rudi nahm zur Feier des Tages erst einmal ein Bad in der Saale, späte Meisterschaftsfeier? Es ging 2 mal durch Halle und vom Wasser sieht die Stadt doch wesentlich schöner aus. Noch einmal lagen 4 Schleusen vor uns. Mittag machten wir an der Fähre Brachwitz, wo dann auch der Landdienst hindelegiert wurde, mit der Fähre konnten sie ja übersetzen.

   

Über Wettin mit der Burg Wettin, die Stammburg der Markgrafen, Kurfürsten und Könige von Sachsen, der Wettiner, erreichten wir Nachmittags Kloschwitz. Abriggern, aufladen dann kurz noch ein Gruppenphoto und nach 3,5 Tagen Rudern verabschiedeten sich die (Noch-)Werktätigen und überließen den verbleibenden 12 Herren zwei zusätzliche Tage bei bestem Ruderwetter.

   

Weiter zum Bericht von Horst Köster. Bilder und Kurzbericht von Ulrich Glaser gibt es hier


Teilnehmer vlnr.: Mathias Kötter, Peter Luidhardt, Güther Schroth, Manfred Strutz, Fritz Schiller, Bernhard Freisler, Peter Rotter,
Ulrich Glaser, Uli Beh, Ralf Stybalkowski, Wolfram Strehler, Bodo Golchert, Harry Weinbrenner, Fritz Baier, Johannes Trelenberg,
Horst Köster, Klaus Berkemer, Bernhard Hildebrand, Ralf Stürner, Rudi Neumann