32. Trimmwanderfahrt des RVE auf der Theiss in Ungarn

vom 07.09. bis 15.09.2007

Teilnehmer:

 

Heinz Kleemann Etappenplanung, Organisation
Ralf Stybalkowski Fahrtenleiter
Fritz Baier stellvertr. Fahrtenleiter
Fred Loos Finanzen, Kasse, Frühstücksbrötchen
Harry Weinbrenner Zelte, Garnituren
Ralf Stürner  Boote, Bootszubehör
Frank Maschkiwitz Geschirr, Kocher
H.-Peter Rotter Film, Foto
Bernhard Freisler Zelte, Garnituren
Hans-Reinhart Strehler  Geschirr, Kocher
Wolfram Strehler  Lademeister, Bootsanhänger, Film
Matthias Kötter Kultur, Getränke
Albrecht Hannig Mietbusse, Kabeltrommel, Licht
Hans-Jürgen Eberhardt  Küche, Verpflegung
Dirk Johanning Boote, Bootszubehör
Frank Gähr Bericht
   
Boote: Helene, Schwaben II, Staffelsteiger
Strecke: Theiß von Tokaj bis Szeged (370 km)

Wie den meisten sicherlich bekannt, gehört die ungarische Sprache, ebenso wie das Finnische, nicht zu den indogermanischen Sprachen und weist deshalb einige Besonderheiten auf. Das heißt, Straßenschilder oder irgendwelche Täfelchen in Supermärkten sind in der Regel schlicht unverständlich. Raststätte heißt z.B. pinöhély (oder so ähnlich) und Biergarten sörözö. Da ungarische Ortsnamen im Folgenden häufiger vorkommen, sei ein kleiner - allerdings zugegebenermaßen nur oberflächlicher - Exkurs in die Aussprache erlaubt:

s: Aussprache wie sch (z.B. sőr (Bier) ausgesprochen wie schör.
sz: Aussprache wie s oder eben scharf-s; (z.B. Tisza oder Szeged)
z: Aussprache wie stimmhaftes s
c: Aussprache wie z oder tz
cz: Aussprache ungefähr wie tsch

Ein Akzent (´) auf einem Buchstaben bedeutet, dass dieser lang ausgesprochen wird (z.B. piros bór = pirosch Bohr - was im Übrigen „Rotwein“ bedeutet). Die Betonung liegt im Ungarischen immer auf der ersten Silbe eines Wortes. Nach dieser kleinen Einführung fällt es nun sicher ganz leicht, z.B. den Namen der Stadt Törökszentmiklós (Übernachtung 3.+4.Tag) richtig auszusprechen.

Freitag 07.09.07

Ein Nachteil des Wanderruderns im Vergleich zu vielen anderen Sportarten, etwa dem Minigolf, mag der sein, dass allerlei Vorbereitungen getroffen werden müssen, bis endlich sämtliche Teile sorgfältig verstaut und Boots- und Küchenhänger startklar sind. Wir schafften es jedoch, das ganze Prozedere (mit Vortag in summa 4 Stunden) bereits eine ganze Viertelstunde vor der geplanten Startzeit (18 Uhr) abzuschließen. Nach obligatorischem Gruppenfoto ging es, je 8 Leute auf 2 Sprinter verteilt, los auf die immerhin ca. 1100 km lange Piste ins Land der Magyaren. Nun hat wahrscheinlich jeder Autofahrer bereits einmal Gelegenheit gehabt, über unzuverlässige Verkehrnachrichten abzulästern, aber dass uns – kaum losgefahren - ausgerechnet der „aktuellste Verkehrsservice, den es je gab“ einen Stau zwischen Wendlingen und Mühlhausen meldete, war reichlich unverschämt. Der Stau war, wie uns eine halbe Stunde später von SWR1 mitgeteilt wurde, überraschenderweise auf der Gegenspur. Die sehr geduldigen Wanderruderer wurden auf der Umfahrung des angeblichen Staus dank Albrecht mit einer sehr interessanten Besichtigung des Kirchheimer Industriegebiets belohnt, mit kurvenreichen Sträßchen durch Weilheim und am Deutschen Haus vorbei bis Mühlhausen, wo wir endlich auf die Autobahn auffuhren. Regnerisches Wetter sowie ein bis 20 Uhr geltendes, endlos scheinendes Überholverbot für Gespanne zwischen Ulm und München sorgten bei Piloten und Copiloten für Stimmung. Die erste Pause wurde in der Nähe vor Passau gegen 23 Uhr eingelegt. Auf der Weiterfahrt mutierten die Sprinter dann zu Schlafwägen. Erst die holprige Wiener Westautobahn, die nächtliche Fahrt durch Wien sowie die beleuchtete, gigantische Raffinerie der ÖMV im Osten Wiens ließ bei einigen die Augenlider wieder hochklappen.

Eigentlich hätte man ja vermutet, dass die Grenzkontrollen an der ungarischen Grenze seit den Zeiten des Sozialismus angesichts der EU-Zugehörigkeit Ungarns deutlich lockerer geworden wären. Doch weit gefehlt – der Shengener-Raum hatte Ungarn noch nicht erreicht! In Heygeshálom mussten auf Geheiß des Grenzpostens sämtliche Pässe eingesammelt und hinausgereicht werden. Das Ganze dauerte immerhin knapp 3 Minuten, wobei zwischen Grenzer und seiner Ausweise mischenden Kollegin in ihrem Kabuff ungefähr folgendes Spielchen ablief:

Sie: „Süßer, diesmal zock ich dich ab: Ich hab ein Full house mit 2 zwielichtigen Typen und 3 dicken Damen aus der Ukraine auf der Hand!“
Er: „He Schätzchen, keine Chance: ich hab hier 8 voll im Saft stehende Ruder-Buben, also vergiss es!“

Samstag, den 08.09.07

Fährt man durch die Vororte von Budapest, so fällt auf, dass sich dort unheimlich viele deutsche Firmen, Super- und Baumarktketten angesiedelt haben. Einen ersten Vorgeschmack auf die v.a. im Nordosten Ungarns existierenden abenteuerlichen Straßenverhältnisse lieferten die Pflastersteinstraßen mitten durchs Zentrum von Budapest. Das heftige Geschaukel war jedenfalls eine recht ungewöhnliche Methode, um aus den vielen, im Küchenanhänger sorgfältig verstauten Gewürzen eine Gewürzmischung herzustellen (v.a. für Hans-Jürgen war das gar nicht witzig!). Auf einer hervorragend ausgebauten Autobahn ging es durch die Tiefebene weiter Richtung Nordosten.

Die letzte Stunde bis Tokaj bot auf immer schmaler werdenden Sträßchen dann noch einige Höhepunkte, zum einen was den baulichen Zustand der Ortschaften (3 m lange Regenrinnen vom Hausdach direkt in die Kanäle) sowie die dort noch verkehrenden Pferdefuhrwerke betrifft, zum anderen aber v.a. in der Überfahrt über die Theiß auf einer etwas in die Jahre gekommenen Fähre bei Tiszalök. Wenn man sich die Filmaufnahmen unserer Kameramänner Hanse und Peter zu diesem Übersetzen im Nachhinein anschaut, könnte man meinen, es handelt sich um einen Filmbeitrag von Klaus Bednarz über Sibirien („Östlich der Sonne“).

   

Gegen 10.30 Uhr kamen wir endlich, leicht übernächtigt, in Tokaj an, welches dank Kaiser Franz Joseph weltberühmt durch den dort angebauten weißen Tokajer wurde. Die Dorfmitte von Tokaj ist übrigens Weltkulturerbe. Leider blieb uns zur Besichtigung keine Gelegenheit, da die Zeit doch etwas drängte und eine passende Stelle zum Einsetzen der Boote erst nach geraumer Zeit beim Campingplatz („Kemping“) auf der linken Flussseite gefunden wurde. Nach Abladen und Aufriggern der Boote konnte im Restaurant des Campingplatzes noch ein kleiner Imbiss in Form einer unglaublich fetten Wurst organisiert werden.

   

Tokaj (km 543,3) bis Tiszadada (km 508,4)

So gestärkt ging es auf die erste Etappe auf der Theiß, welche in vielen Kehren und ohne nennenswerte Strömung durch die ungarische Tiefebene zieht. Der 550 m hohe Tokajer Berg mit seinen Rebhängen war mal steuerbord, dann irgendwann und ohne erkennbaren Grund seltsamerweise backbord zu sehen, immer aber in Reichweite. Auf der gesamten Ruderstrecke, die mit 370 km ziemlich genau die Länge des Neckars hatte, gab es insgesamt 2 Schleusen zu bewältigen. Die Erste war in Tiszalöki mit einem Hub von 5 m. Nach der Schleuse musste es das Team um unseren Fahrtenleiter allen anderen beweisen, indem es full-speed loszog. Die Aufholjagd der anderen Boote war so anstrengend und schweißtreibend, dass es – zumindest bei einem Schlagmann – bereits ernsthafte Blasen gab.

Leichte Probleme stellten sich währenddessen beim Landdienst ein. Zum einen war es an einem Samstagnachmittag nicht einfach, einen geöffneten Supermarkt zu finden, zum anderen mussten lange Wege unternommen werden, um einen Kemping für das nächste Quartier entlang der Theiß ausfindig zu machen. Den in der Streckenbeschreibung aufgeführten Kemping in Tiszadob gab es nämlich nicht; der alternativ angesteuerte Kemping in Tiszadada war geschlossen. Wichtige Erkenntnis hieraus: die meisten Campingplätze in diesem Abschnitt der Theiß schließen Ende August! Hier war guter Rat teuer. Dank verstärktem Handy-Einsatz wurden die Ruderer an die richtige Stelle zum Anlegen in Tiszadada geleitet und die Boote auf dem Sandstrand über Nacht liegengelassen, dies allerdings nicht ohne gewisse Bauchschmerzen bei der Fahrtenleitung. Es folgte die Fahrt zurück nach Tokaj,  wiederum mit unserer Tuff-Tuff-Fähre vom Vormittag, auf den bereits bekannten Campingplatz, welcher wenigstens geöffnet hatte.

Die Kocherei ersparten wir uns an diesem Abend, insofern als man den Besitzer des Kemping dafür gewinnen konnte, für uns den Kessel aufzusetzen. Das Angebot, für uns Fischsuppe zu kochen, konnte erfolgreich abgewehrt werden. Auf Betreiben der Fahrtenleitung hin gab es Gulaschsuppe, wobei zwar die Menge des Fleisches in der Suppe durchaus hätte mehr sein dürfen, dafür war die Suppe aber nach ungarischer Art mit viel Paprika scharf gewürzt. Der Abend klang fröhlich aus mit einigen Flaschen Tokajer „dry“.

Sonntag, den 09.09.07

Tiszadada (km 508,4l) bis Tiszaczege (km 453,9l)

As ob er es überhaupt nicht erwarten könne, möglichst rasch in Szeged, dem Endziel unserer Reise anzukommen, fing Matthias bereits um 6 Uhr morgens an, kräftig mit dem Frühstücksgeschirr zu klappern, (Oder war er vielleicht nur ganz wild auf seinen Geburtstagskuchen?) In Anbetracht des sich deutlich auswirkenden Zeitunterschieds bezüglich Sonnenauf- bzw. untergang im Vergleich zu Esslinger Verhältnissen war es aber sicherlich angebracht, früh aufzustehen, um nicht abends in die Dunkelheit hineinrudern zu müssen.

An der Theiß ist es ähnlich wie am Neckar - mit einem Unterschied: Wenn es am Neckar so um die 50 Orte oder Städte gibt, die alle Neckar-Sonstwie heißen, so sind es an der Theiß bestimmt 500 Tisza-Unaussprechlich. In gespannter Erwartung, ob die Boote noch da waren, fuhren wir nach Abbruch der Zelte in Tokaj zurück nach Tiszadada (heißt wirklich so). Die Boote waren alle noch da (nicht wie seinerzeit in Polen). Der tückische und leicht schlammige Sand konnte einen beim Aus- oder Einsteigen in Verlegenheit bringen, und er trug auch zu Verletzungen bei, die aber im Verlauf der Trimmfahrt alle wieder verheilten.

Auf der Fahrt flussabwärts mussten nach einigen Kilometern bei der Pontonbrücke von Tiszadob die Skulls lang gemacht und die Köpfe eingezogen werden. Immerhin ein kleines Highlight auf unserer Tour. Relativ rasch stellt man als Greenhorn fest, dass eine Trimmfahrt keine gewöhnliche Wanderfahrt ist. Von wegen einfach Abschalten, Natur genießen und sich treiben lassen. Immer wieder kommt der auffordernde Hinweis des Schlagmanns, man soll mal gefälligst volle Länge rudern, Betonung auf dem Endzug. Liegt wohl daran, dass er heute Geburtstag hat und gut drauf ist, denkt man… Aber kaum ist der endlich ruhig, fängt der Steuermann an, das Kommando an sich zu reißen, mit dem Erfolg einer weiteren eindrücklichen Tempoverschärfung. Es macht jedenfalls richtig Spaß. Eine Fischercrew im Motorboot kann uns bis Tiszaujváros eine knappe Stunde lang nicht abhängen. Kommentar Stybi: „des werdet aber ziemlich teure Fisch!“

   

Kurz vor Tiszaujváros ging es unter einer Brücke durch, worauf auf rechter Seite ein Kanal mündete, der eine ziemlich stinkende Brühe in die Theiß einschleppte. Dafür gab es in Tiszaujváros einen hervorragend geeigneten Steg zum Anlegen. Der Landdienst hatte alles bereits aufs Beste vorbereitet.

   

Die Weiterfahrt verlief bei bestem Sonntagnachmittagwetter. Eine tiefergehende Untersuchung eines (wissenschaftlich angehauchten) Steuermanns auf der Weiterfahrt war jene, ob es sich denn lohnt, Kurven abzukürzen, in der Strommitte zu fahren oder ganz außen in der Strömung zu bleiben. Nach langen Studien kam dann das heraus, was jeder erfahrene Ruderer weiß, nämlich dass man bei Einhaltung von 30% Abstand zum äußeren Ufer den besten Drive bekommt.

Es ist einfach wunderbar, wenn man vom Landdienst mitgeteilt bekommt, dass ein Campingplatz nur für uns geöffnet hat. Weiterhin auch, wenn Ruderer Minuten vor dem Anlegen erkennen können, dass sämtliche Mannschaftszelte bereits aufgebaut sind! Der Kemping in Tiszaczége war wie geschaffen für uns: Die Boote mussten nur eine kurze Strecke auf den ebenen Rasenplatz hochgetragen werden. Etwas schwieriger als mit den Booten wurde es für uns mit den Duschen. Zwar standen für uns sogar die Damenduschen und -toiletten zur Verfügung (!), doch die Stiege in den etwa 3m hoch gelegenen Dusch-Container hatte es, v.a abwärts, wirklich in sich (Schwierigkeitsgrad 3+). Der Tenor war ungefähr folgendermaßen: Duschen sind klasse. Da es überall durchzog und es mittlerweile unangenehm kühl geworden war: schnell rein in die Klamotten und ab zum Essen! Zum Essen folgender kleiner Wortwechsel, der sicherlich allen ein Begriff ist:

Äffle: Was isch groß? – Pferdle: Schtuagert
Äffle: Was isch größer? – Pferdle: d´Welt
Äffle: Was isch´s Ällergröschte? – Pferdle: Lensa mit Spätzla ond Soitawürschtle!

Die Nacht war sternenklar und es wurde dementsprechend kalt (Temperatur um den Gefrierpunkt).